Schiessen mit System oder volle Konzentration auf den Punkt?

Begonnen von Ulrich, 27.03.19, 10:09

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Sabiji

Zitat von: Ulrich am 09.05.19, 14:17Zum allgemeinen Vorwurf, dass ich zu viel auf einmal will; bei uns gibt es da eine Redensart: <Recht hast du, schweigen sollst du!>


Ueli


Ist kein Vorwurf, eher eine Vermutung, bzw. Eindruck.

Ein bestimmter ritualisierter Bewegungsablauf ist wichtig, um eine gewisse Reproduzierbarkeit zu erreichen. Ist dieser Bewegungsablauf einfach gehalten, lässt er sich am schnellsten verinnerlichen. Verinnerlichen bedeutet, durch vielfaches wiederholen ein Körpergefühl zu bekommen. Am Anfang achtet man noch sehr auf die technische Ausführung des Schussablaufs, mit mehr Erfahrung achtet man mehr auf dieses Körpergefühl.
Kuckingen schrieb zum Beispiel, das man absetzen sollte, wenn man ein Störgefühl hat. Ein Störgefühl ist eine intuitive Warnung, das im ganzen bisherigen Schuss Aufbau nicht ganz korrekt verlaufen ist. Absetzen wäre dann aus mentaler Sicht sehr wichtig, denn mit einem schlechten Gefühl zu lösen und einen schlechten Schuss hinzulegen macht eine Fehleranalyse fast unmöglich, ein schlechtes Gefühl und der Pfeil eiert trotzdem ins Ziel, ist auch nicht besser, weil man weiß, dass man eigentlich nur Suppe hatte. Bei einem guten Gefühl trotz dass man nicht getroffen hat gestaltet die Fehleranalyse einfacher. Zuletzt: Ein gutes Gefühl plus guter Treffer sollte sich einbrennen.
Ich gehe nun soweit, ein solch schlechtes Gefühl gar nicht erst aufkommen zu lassen, in dem man von Anfang an auf positive Rückmeldungen des Körpergefühls achtet. Das fängt schon mit dem Stand an, gerade im Gelände. Ich mache also erst weiter, wenn ich das Gefühl habe, einen guten Stand zu haben, bzw. den bestmöglichen. Unterdrücke ich z.B. das Gefühl, das ich den Fuß besser ein müh anders stellen sollte, potenziert dieser "Fehler" im ganzen folgenden Schussaufbau, obwohl es nur ein mentaler Punkt ist.

So, wieder langes Geschwafel.  was ich nur deutlich machen wollte ist, dass das Achten auf den Schussaufbau stets sehr wichtig ist (siehe Kyudo). Hat man zu viele Baustellen durch diverse Techniken, macht man sich das Leben nur unnötig schwer. Wie Du Deinen Schussaufbau gestaltest, ist mir wuppe, da bin ich ganz bei Ast, obwohl ich akademisch gelernt habe. Aber die Konzentration auf den Schussaufbau ist schon deswegen wichtig, um mental vom treffen wollen wegzukommen.
Semper Eadem

Ulrich

>>Kuckingen schrieb zum Beispiel, das man absetzen sollte, wenn man ein Störgefühl hat. Ein Störgefühl ist eine intuitive Warnung, das im ganzen bisherigen Schuss Aufbau nicht ganz korrekt verlaufen ist.<<

Dieses Gefühl kenne ich als völlige Orientierungslosigkeit, wenn der Pfeil fliegen sollte. Absetzen und neu aufbauen muss ich noch vermehrt pflegen. Wenn ich absetze, ist das meist schon im Ansatz zum Aufziehen. Ist das System schussbereit, ist es meist zu spät. Leider. Vermutlich, weil es weniger Kraft braucht, den Pfeil ins Nirgendwo fliegen zu lassen, als abzusetzen und neu aufzubauen, auch mit einem harmlosen Dreissigpfünder.

>>Aber die Konzentration auf den Schussaufbau ist schon deswegen wichtig, um mental vom treffen wollen wegzukommen.<<

Diesen Satz Rahme ich ein und hänge ihn gut sichtbar an die Wand. Vielleicht weiss ich eines Tages nicht nur, wie`s gemeint ist, sondern verstehe auch seine Tragweite;-)

Mit weittragenden Grüssen

Ueli
Als Anfänger weiss man alles besser. Aber das gibt sich mit der Zeit.

Sabiji

Zitat von: Ulrich am 09.05.19, 17:15>>Aber die Konzentration auf den Schussaufbau ist schon deswegen wichtig, um mental vom treffen wollen wegzukommen.<<

Diesen Satz Rahme ich ein und hänge ihn gut sichtbar an die Wand. Vielleicht weiss ich eines Tages nicht nur, wie`s gemeint ist, sondern verstehe auch seine Tragweite;-)

Mit weittragenden Grüssen

Ueli

Gemach! Ich weiß dass sich hier "mein Weg des Bogenschießens" von manch anderen trennt und dass hier manch einer die Stirn kraus zieht. Ich bin halt Turnierschütze. Turnierschützen haben mit Neulingen eine Gemeinsamkeit mit einem kleinen Unterschied. Anfänger wolle unbedingt treffen und Turnierschützen müssen treffen. Den "ich schieß nur, weil es mir Spaß macht" Schützen ist das Wurst. Die haben das Problem nicht. Die Glücklichen ;-).

Fokus auf den Schussaufbau nimmt den mentalen Druck auf´s treffen wollen. Druck erzeugt Fehler. Das ist alles.
Semper Eadem

AST

Also ich möchte schon treffen... und hinterfrage, wenn es nicht geklappt hat. Am interessantesten (intern diskussionsbefördernd) sind die Schüsse, wo alle 3 Pfeile auf ner "Handfläche" zusammenstecken aber alle über/unter/neben dem Ziel sind - da muss dann irgendwas im Raum - Zeit - Gefüge mir einen Streich gespielt haben;-)

Ulrich

Zitat von: AST am 09.05.19, 21:06Also ich möchte schon treffen... und hinterfrage, wenn es nicht geklappt hat. Am interessantesten (intern diskussionsbefördernd) sind die Schüsse, wo alle 3 Pfeile auf ner "Handfläche" zusammenstecken aber alle über/unter/neben dem Ziel sind - da muss dann irgendwas im Raum - Zeit - Gefüge mir einen Streich gespielt haben;-)

Visierschützen dürfen am Visier schrauben. Dürften da die Visierlosen im Gegenzug nicht bisschen die Auflage zurechtrücken?

Mit fragwürdigen Grüssen

Ueli
Als Anfänger weiss man alles besser. Aber das gibt sich mit der Zeit.

AST

Welche Auflage? Der Pfeil liegt bei mir auf dem Zeigefingerknöchel der Bogenhand und umgreifen  wäre bei meiner Art zu schiessen kontraproduktiv, weil ich das noch nie gemacht habe.. und Grip Walking ist mir noch nicht untergekommen.

Sabiji

Mensch AST, da hast Du jetzt aber die Gelegenheit verpasst, als Erfinder des Gripp-Walking in die Geschichte einzugehen!
Semper Eadem

Ulrich

Zitat von: AST am 10.05.19, 01:04Welche Auflage? Der Pfeil liegt bei mir auf dem Zeigefingerknöchel der Bogenhand und umgreifen  wäre bei meiner Art zu schiessen kontraproduktiv, weil ich das noch nie gemacht habe.. und Grip Walking ist mir noch nicht untergekommen.

Ich meinte die Scheibenauflage. Das Kommando an den Scheibenwart (oder bei 3d an den Tierwart) könnte etwa so lauten: <Bitte 10,5cm nach rechts und dann leg doch noch ein Stück Holz unter!> Scheiben Walking.

Uebrigens war ich gestern Abend unangemeldet an einem lockeren Turnier, um Sabijis Leitsatz zu testen, also volle Konzentration auf den Schussablauf gegen das Treffenwollen.

Es hat auch ganz gut geklappt und ich war durchaus zufrieden mit mir. Bis auf ein paar garstige Ausreisser nach unten und nach oben, die ich mir einfach nicht erklären konnte.

Erst auf der Heimfahrt nach dem gemütlichen Teil kam ich mir auf die Schliche: Ich konnte mich nicht erinnern, auch nur ein einziges Mal richtig geankert zu haben.

Das gibt noch Arbeit!

Mit fleissigen Grüssen

Ueli

Als Anfänger weiss man alles besser. Aber das gibt sich mit der Zeit.

Sabiji

Bogenschießen hat gerade für den Anfänger manchmal recht autistische Züge. Da gibt es die einen, die ohne viel zu überlegen recht schnell von Anfang an (fast) alles recht gut hinbekommen.
Und dann gibt es die anderen, die gleich von Anfang an über alles nachdenken und hinterfragen und analysieren (nicht war Ulrich ;-) ) Diese Leute kommen mit der Flut der Dinge, die sie richtig machen wollen meist nicht auf ein Nenner. Achten sie auf korrekten Stand, stimmt der Bogenarm nicht. Fokus auf den Bogenarm, Mist, ich habe das ankern vergessen. Passt man aufs ankern auf, war der Stand wieder Sch###e, oder Bogenarm, Dreieck, Rückenspannung, "T" usw...
Deswegen Pilotentechnik anwenden! Stand? Check! Pfeil eingenockt? Check! Griff in die Sehne? Check!, Körper zum Ziel ausgerichtet? Check? Vorspannung? Check! usw...usw...bis es zur Routine wird und sämtliche Checks im Unterbewusstsein abgerufen werden.
Also, alles gut.
Semper Eadem

Ulrich

Sabiji, du hast mich gnadenlos durchschaut. Fast könnte man meinen, du schreibst aus eigener Erfahrung;-)

Als Kopfmensch ist es gar nicht so einfach, sich auf die Intuition zu verlassen. Zur exzessiven Fehleranalyse kommt dann nämlich noch das Misstrauen dem Gelingen gegenüber, wenn es nicht hart erarbeitet ist.  Dabei bräuchte es da nur ein Achselzucken:" ist halt so". Diesen Tipp habe ich übrigens von einem Informatiker.

Mit getippten Grüssen

Ueli
Als Anfänger weiss man alles besser. Aber das gibt sich mit der Zeit.

Sabiji

Selbstredend, ich schreibe immer aus eigener Erfahrung. ;-)
Semper Eadem

Ulrich

Um diese Diskussion für mich abzuschliessen: Auch Kopfmenschen fassen ihre Entschlüsse aus dem Bauch heraus. Das haben Hirnforscher herausgefunden. Der Kopf liefert bloss die Begründung hinterher. Vermutlich stand also mein Entschluss, ein System zu erlernen, schon fest, bevor ich begann, auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen.

Und hier noch eine Begründung: Man soll sich im Bogenschiessen als Anfänger nicht zu früh auf eine bestimmte Technik festlegen

Vorläufig ändert sich für mich eh nicht viel: Anderer Griff, anderer Schussaufbau und der Blick auf den Pfeil statt starrer Blick aufs Ziel. Sonst bleibt`s vorläufig bei den üblichen Tugenden: Linie, T, Rückenspannung und die Scheibe treffen.

Mit gescheibelten Grüssen

Ueli
Als Anfänger weiss man alles besser. Aber das gibt sich mit der Zeit.

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