Ich kann nicht ankern - seit 5 Jahren Scheibenpanik

Begonnen von Neskakao_64, 07.05.18, 17:37

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Neskakao_64

Hallo liebe Bogenfreunde,

seit nunmehr 5 Jahren leide ich ungeheilt an der sogenannten Scheibenpanik. Bei mir äußert sie sich wie folgt:
Ich stelle mich an den Abschusspunkt, lege den Pfeil ein, schaue mein Ziel an und ziehe aus. Aber leider komme ich nicht bis hinten in den Anker (meditteran, Mundwinkel). Vorher geht meine Hand auf. Der Pfeil fliegt somit natürlich unkontrolliert und leider überhaupt nicht da hin, wo ich hin will (auf's Ziel)...  :cry:
Ab und an kann ich zwar stoppen und schaffe es, nicht direkt loszulassen, aber dann ist der Pseudo-Anker leider irgendwo vor meinem Gesicht, was einfach nicht richtig ist und so nicht funktioniert. Ich kann sogar laut aussprechend zu mir sagen "Mensch, zieh doch einfach weiter!" Aber mein Körper macht das nicht und blockt ab.
Weite Ziele sind somit unmöglich und nahe Ziele treffe ich nur mit viel Dummenglück. Bei 13 Jahren Bogenschießen sind 146 Punkte auf 28 Ziele einfach nichts. Zumal ich früher locker die 300 hatte... Naja. Am Bogen bzw. an seiner Stärke liegt es auch nicht. Den Bogen schieße ich schon länger als das Problem besteht und mit einem Kinderbogen mit 14 Pfund passiert es mir genauso...
Liegt aber kein Pfeil auf, passiert es mir nicht. Da weiß mein Hirn ja, dass ich mir sonst den Bogen kaputt mache  :whistle:

Hat hier jemand schon Ähnliches durchgemacht und es wieder heraus geschafft? Mit knapp 24 Jahren sind 5-6 Jahre Scheibenpanik echt heftig und eine große Verschwendung...

LG

ragnar

Ich kenne zwei Methoden, die einem zumindest den Druck nehmen, irgend etwas treffen zu wollen/müssen.

Das erste sind Weitschüsse.
Such dir ein entsprechend weites Feld und einen nicht zu starken Bogen, und sieh wie weit du kommst (mit dem Pfeil).

Die zweite Methode nennt sich chinesisch Gaozhen, Strohballen-Training auf ein bis zwei Meter.
Eine normale Scheibe ohne Auflage geht genauso gut.
Einfach auf die Technik konzentrieren, u.U. mit geschlossenen Augen.
"Nichts ist so gerecht verteilt wie der gesunde Menschenverstand.
Niemand glaubt, mehr davon zu brauchen als er hat."
(René Descartes)

Corax

Es gibt viele Ansätze und Wege. Da muss wohl jeder seinen eigenen finden.


Technik wechseln (als Visierschütze auf Langbogen, als Tradi auf Compound, von Mediterran zur Daumentechnik wechseln z.B.)
Als Tradi einfach mal einen Klicker anbauen.
Blindes Dämpfertraining auf 3m.
Mit zweiter Person hinter sich und verschiedenen Zielen auf dem Dämpfer nur auf Ansage schießen - z.B. sowas
--> https://ixquick-proxy.com/do/spg/show_picture.pl?l=deutsch&rais=1&oiu=http%3A%2F%2Fblog.refactortactical.com%2Fwp-content%2Fuploads%2F2016%2F02%2FIQRifle_Target_Small-723x1024.jpg&sp=6279b2e54893d12f2b446c1386b19add


Und dann gab es do noch so ein Buch, von dem ich gehört habe, dass es helfen soll, aber da muss ich die Suchmaschine bemühen.
Der befreite Schuss - ist beim Verlag nicht mehr lieferbar, aber das ZVAB hilft weiter.


Was hast du denn schon alles ausprobiert? Ich drücke dir alle Daumen und sonstige Finger.
Skua: "ein Bogen ist harmlos, ab zwei vermehren sich die Dinger wie Karnickel!"
Club 52

roscho

Ich weiss nicht wie gut dein englisch ist, aber sollte es halbwegs passen, dann schau mal da

Die Webseite ist US typisch etwas "laut" - aber es lohnt sich drüber zu schauen

https://www.shotiq.com/resources/

Den Online Kurs kenn ich nicht, das Buch hab ich (auch den "Befreiten Schuss" von Höhn), und ich muss sagen seine Erklärung macht für mich durchaus Sinn.

Weitere Fragen gerne auch per PN

rabu

Die Probleme dahinter sind vielfältig und individell.
Ich kann nur sagen was bei mir hilft wenn es sich anschleicht. (Ich hab allerdings auch nur manchmal ein klein wenig Probleme bis in den Anker zu kommen, eigentlich ist es mehr fliegender Anker ;.))))  )

1) Ohne Scheibenauflage trainieren

2) Mir selber sagen: Ich geh nur in den Anker und löse nicht, ich halte 3 Sekunden und setz wieder ab! Das mach ich dann tatsächlich so, also nicht schiessen sondern nur ankern - halten - absetzen Nach 5 bis 10 mal "Trockenankern" bekomme ich einen sauberen Schuss aufgebaut.

3) Das Buch "Einblicke ins instinktive Bogenschießen" von Jay Kidwell hat ein komplettes Kapitel dazu.

Gruß
Ralf
Leben ist das, was abläuft während man etwas anderes plant.
James Patterson in "Alex Cross - Blood"

0815

Falsches Training fuer Instinktivschuetzen fuehrt sehr oft zu dieser Form (hatte ich auch lange Zeit).
Shotiq ist ein gutes Programm (wenn man vernuenftig English kann), allerdings kommt es etwas drauf an, welchen Schiessstil man schiesst und was man machen will.
Auch ist deine Form der Target Panic eher eine Andere als bei Shotiq beschrieben, allerdings ueberscheniden sich da die Loesungen/Methoden/Erklaerungen.
Deine Form der target panic ist zu 90% eine "pawlowsche" gelernte Aktion.

Ich beschreibe mal kurz, wie das bei Dir gelaufen ist:
1.) Du hast wohl auf normale Scheiben geschossen und Du wolltest enge Gruppen schiessen.
2.) Du hattest ein Dutzend Pfeile im Koecher und hast diese relative schnell in enge Gruppen schiessen wollen und hast das auch getan (am Anfang).
3.) Du bist ohne Erwartungen auf Turniere gefahren und hast gut geschossen. Dann hast Du Erfolg gehabt und warst mal ab und an oben mit dabei.
4.)  Nach einer Weile hast Du gewusst, dass auf die Entfernungen die Du trainierst hast der Pfeil trifft und hast im selben Stil (relativ schnell und fleussig) weitergeschossen. Jetzt war aber ploetzlich das Trefferbild nicht mehr so gut und deine Loesung des schlechteren Treffens war: mehr Training und mehr Pfeile schiessen, mehr Wiederholungen um besser zu werden.
5.) Du bist mit Erwartungen auf die naechsten Turniere gefahren, dass Du vorne mitschiesst.
6.) Der Erfolg stellte sich nicht ein und die Gruppen wurden nicht besser und Du hast mehr Pfeile geschossen um doch wieder besser zu werden.
7.) Ergebnis: Jetzt hast Du Dir einen falschen Schussablauf so tief ins Unterbewusstsein trainiert, dass Du sobald Du vor einer Scheibe/3D Ziel stehst und schiessen sollst, Du den Bogen ziehst und irgendwo vor dem Gesicht geht der Pfeil einfach raus.
8.) Wenn keine Scheibe da ist, dann kannst Du den Bogen ohne Probleme in den Anker ziehen. z.B. vor einer Wand.  Du bist also nicht zu schwach fuer deinen Bogen.
9.) Der Tip einen leichteren Bogen zu verwenden ist also nicht unbedingt zielfuehrend.

Ich denke das eine modifizierte Form des "push releases" bei Dir wohl erfolgversprechend sein wird und eine vollkommene Veraenderung deiner Trainingsmethode.
Warnung:
Bei manchen Leuten geht es schnell (wenn noch nicth wirklich schlimm), bei anderen dauert es viel laenger bis das "korrigiert" ist. Manchmal kann man die TP nur unterm Deckel halten und manchmal kommt sie zurueck. Etwas wack a mole. 

Rest ueber PM,wenn Du willst.

madil

Erkläre doch bitte mal genauer den Begriff „Push Release „
Vielen Dank
Gruß madil
Madil

machichmorgen

Vielfältig Möglichkeit und Ursache sind.
Was passiert, wenn du 3 Meter vor das Ziel schaust und dann ausziehst?

Falsch ist jedenfalls zu  versuchen mit Gewalt deinen alten Stil weiter zu verfolgen.
Das ist zu einer Zwangshandlung geworden, die du nicht so einfach durchbrechen kannst.

Manchmal reicht es aber schon den Punkt im Gesicht zu verändern, als Zeigefinger in Nasenhöhe.
Den Auszug, die Charakteristik des Auszug zu verändern. Winkelzug oder Rotationszug.

Bargeldlose

Hi, ich kann das mitfühlen, denn ich habe/hatte das gleiche Problem... irgendwann vergeht einem dann doch der Spaß und es gab für mich dann - nach dem Versuch aller möglichen "Rezepturen" - am Ende nur noch 2 Möglichkeiten:

1. ich höre auf (selbst pausieren für einige Wochen hat nichts gebracht), aber "aufhören" ist für mich keine Option

ODER

2. ich wechsle die Bogenklasse auf Compound mit Visier und Backtension Release (BT)

Letzteres habe ich vor erwa 1 1/2 Jahren getan. Durch das BT muss ich nun zur Ruhe kommen und kann meinen Kopf endlich vom reflexartigen Lösezwang frei bekommen. Macht auch Spaß und ich kann nun meinen geliebten Sport weiter betreiben (was nicht heißt, dass mich hier evtl. andere Probleme erwarten)

Ich nehme nun immer wieder meinen traditionellen Bogen in die Hand, versuche damit die gleiche Ruhe wie beim CP zu wahren und mich dem Ankern zu widmen (dabei sollte allerdings die Zugkraft des Bogens nicht allzu stark sein!). Ich zähle LAUT 21-22-23... (egal, was mein Umfeld dazu denkt!) und löse dann ganz bewusst

Wichtig ist hierbei auch ab und an mal einen Schuss abzusetzen. Erst wenn ICH es will und dazu bereit bin, soll der Pfeil seinen Weg finden. Und wenn ich merke, dass mir "mal wieder der Gaul durchgeht" versuche ich noch BLIND (ca. 5m vor einer Scheibe) 4-5x den Schussanlauf sauber auszuführen! Das muss dann wieder für eine Weile reichen...

bis dahin schieße ich wieder mit großem Vergnügen CP  :green:

Black Widow PSA X, 60"29@28
2 Elite Answer, je 50 lbs
1 Elite Echelon, 50 lbs

Verein: Team Roth Bogensport

Neskakao_64

Hallo zusammen und vielen lieben Dank schon einmal für die zahlreichen und wertvollen Antworten!

Es ist ganz angenehm, zu lesen, dass man nicht alleine ist mit dem Problem...

Also um kurz zusammen zu fassen: Ein Wechsel auf Compound oder eine andere Bogenklasse kommt für mich absolut nicht in Frage. Auch ein Klicker nicht.
Ich möchte bei BHR bleiben. Außerdem behebt ein Wechsel nicht das Problem...
Das Buch "Der Befreite Schuss" kommt mit viel Glück morgen bei mir an  :D
Habe bis jetzt auch nur Positives darüber gehört.

Das mit dem Absetzen und auch das mit dem Ankerpunkt ändern bzw. variieren, klingt für mich sehr gut. Beim Training am Wochenende sollte es für mich vielleicht einfach mal nicht in den Parcours gehen, sondern nur Üben, Üben, Üben  :-p

Bin noch für weitere Antworten sehr dankbar...

Edit: Ja, Englisch ist kein Problem. Ich schau mich mal an den genannten Stellen um. Danke!

Neskakao_64

Oh, und Push Release, da würde mich die genaue Erklärung auch interessieren :)

Esteban

Zitat von: Neskakao_64 am 08.05.18, 10:03
......
Also um kurz zusammen zu fassen: Ein Wechsel auf Compound oder eine andere Bogenklasse kommt für mich absolut nicht in Frage. Auch ein Klicker nicht.
.......


Wenn es hilft, solltest du das zumindest temporär in Auge fassen. 0815 hat Recht, dich kneift dem Pawlow sein Köter in die Waden und den musst du loswerden. Egal wie.

Ich habe das auch hinter mir. Auch knappe 5 oder 6 Jahre. Mir hat ein Klicker (Crick-it) geholfen und dann stures Training auf Scheibe. Zuerst kurz und ohne Auflage, dann immer  weiter. Es geht hier um Kontrolle des Schußablaufes.
Teilweise alleine vor der Scheibe, teilweise als Partnerübung. Partner sagt Steps an. Sagt auch Lösen oder Absetzen. Ich habe bei dieser Übung die Kontrolle so vollständig dem kleinen Köter entzogen und sie dem Partner gegeben und sie mir danach zurückgeholt.
Und zum Üben des Schußablaufes nehme ich gerne auch mal den Compound oder den Olympic Recurve MIT Visier.
No captain can do very wrong, if he places his ship alongside that of the enemy ( Horatio Nelson, Battle of Abukir, 1798)

machichmorgen

ZitatAußerdem behebt ein Wechsel nicht das Problem...


Das ist so nicht richtig, es kann sehr wohl das Problem beheben, in dem du
den Zwangsreflex nicht mehr hast, weil er eben nicht mehr ausgelöst wird..

Neskakao_64

"Pawlow sein Köter" finde ich sehr passend   :eierprinz:
Muss ja auch in die andere Richtung funktionieren... Sodass ich das Positive konditioniere.

Esteban & machichmorgen: Könnt ihr mir denn etwas empfehlen für meinen KAP Spirit Challenge 26 Pfund?

AST

Um überJahre (5) antrainiertes (falsches) Verhalten / Reflexe zu ändern, sollte man dort arbeiten, wo der Fehler seinen Ursprung hat - im Kopf!
Nur Training mit einem anderen Bogentyp, anderem Schießstil, etc. führt unter Umständen am Ende wieder in die bestehende Sackgasse speziell wenn die mentalen Aspekte nicht entsprechend gewürdigt werden.

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