Wikingerbogen "Haithabu"...Warum so?

Begonnen von Aardaaroth, 06.09.13, 14:54

Aardaaroth

06.09.13, 14:54 Last Edit: 06.09.13, 15:03 by Aardaaroth
Moin,
bin auf meiner Suche nach historischen Bögen auf den Wikingerbogen aus Haithabu gestoßen und gleich überschlagen sich die Fragen in meinem Kopf  :?: Aus zahlreichen Bogenbauthreats, Seminaren und dem Internet habe ich gelernt das es beim Bogenbau darauf ankommt das Gewicht der Wurfarme (und vor allem der Wurfarmenden!) so gering wie möglich zu halten, um möglichst viel Energie aus dem Bogen rauszuholen und den Handschock zu verringern (was für mich auch definitiv logisch klingt: Weniger Masse an langem Hebelarm kann mit weniger Kraft mehr beschleunigt werden und erzeugt bei der Vorwärtsbewegung am Ende des Schusses einen geringeren Impuls nach vorne...). So weit so gut...Doch nun kommt der Haithabu-Bogen mit seinen massiven, verdickten Wurfarmenden daher, was vollkommen gegen die gelernte Ideologie verstößt. Auf der anderen Seite glaube ich kaum, dass Bögen, die einen enormen Handschock oder geringe Effizienz aufwiesen sich durchsetzten.

Somit komm ich zur eigendlichen Frage/Fragen:

Kennt sich jemand mit diesem Bogentyp aus und kann mir etwas über das Schussverhalten erzählen? Vielleicht sogar warum die Wurfarmenden so geformt waren bzw. warum sich das nicht negativ auf die Schusseigenschaften auswirkt.

Grüße

Aardaaroth

[Edit] hier mal ein paar Bilder zum veranschaulichen: http://www.praehistoric-archery.de/13.html

Vanadis

Moin!

Da würde ich einfach mal den Marcus anrufen, der baut Wiki-Bögen, kommt aus der Ecke und kann Dir ein Menge dazu erzählen:
http://bogensportbedarf.eshop.t-online.de/epages/Shop47201.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/Shop47201/Categories/Imprint
Wat de Buhr ni kennt dat freht he nich!

Atalon

Kannst auch bei Thies Köhn aus Flensburg anfragen.

Ich glaube, er baut ausschließlich diese Art Bögen.

Thies Köhn
Nikolaiallee 138e - D-24941 Flensburg

Email: infoklassischer-holzbogen.de
Telefon: 0461-92333

Boogie

Ach, du Sch...e, ich dachte immer Haithabu sei die kleine Schwester von Huibuh.
Oh mann, Daaaaaaanke für diese Info, Gott wie peinlich....

MfG
Matthias

grumpf

Nun ja Haithabu war zwischen dem 8 und 11 Jhdt besiedelt. Den englischen Langbogen (ELB) gibt es so ab dem 14 Jhdt. In dieser Zeit konnte man einiges weiter entwickeln und aus so manchen Erfahrungen lernen.  :whistle: :whistle:

VG Jens
Wer trifft, ist nur zu faul, seine Pfeile zu suchen.

Goodewind

Der Bogen geht ja auf einen Fund zurück , der im Museum in Schleswig liegt. auch wohl der einzige Nachweis. Zu der merkwürdigen Form mit den dicken Enden und umgekehrten "Recurves"  gibt es eine Geschichte, wahr oder nicht wahr:
In Haitabu gab es einen Bogenbauer, der zwei Lehrlinge hatte. Eines Tages reiste der Meister in die Türkei und sah dort die Reiterbogen. Davon machte er eine Zeichnung und beauftrage zuhause die beiden Lehrlingen, einen solchen Bogen zubauen. Nur leider vermurksten die beiden den Rohling und bogen die Recurves falsch rum . Damit der Meister es nicht sah, warfen sie den Bogen in hohem Bogen in den Sumpf . Dort versank er und wurde Jahrhunderte später gefunden als "Wikingerbogen".

RS

17.01.15, 12:36 #6 Last Edit: 17.01.15, 14:10 by RS
@Goodewind:

...  :D  ... schöne Geschichte .. !! Gefällt mir  :)!


Zitat von: grumpf am 16.01.15, 19:14
Nun ja Haithabu war zwischen dem 8 und 11 Jhdt besiedelt. Den englischen Langbogen (ELB) gibt es so ab dem 14 Jhdt. In dieser Zeit konnte man einiges weiter entwickeln und aus so manchen Erfahrungen lernen.  :whistle: :whistle:

VG Jens


Da glaube die weit überwiegende Funktion-Design-Evolution aufgrund von Erfahrungswerten hat  im Bogenbau wahrscheinlich schon während den (mindestens) 10.000 Jahren vorher stattgefunden.. form follows function... gabs schon immer.

Der Threat ist schon was älter  und wurde damals auch auf FC diskutiert, da findet man (unter anderem) einige interessante Ansätze:

http://www.fletchers-corner.de/viewtopic.php?f=5&t=23182&hilit=wikingerbogen+Haithabu


Es ist immer schwierig von EINEM Fundstück auf alle damaligen Wikingerbögen zu schließen.
Nach den Kernaussagen auf FC und (sonst im Netz)  - gibt es dort mehrere Bogenfunde von denen nur einer diese eingangs beschrieben Form wirklich stärker ausgebildet hat.

Es scheint vielleicht einen Trend zu etwas dickeren Tips bei den dort gefundenen Bögen zu geben was sich ggf. mit Ansprüchen an Robustheit und Fehlertoleranzen/Gutmütigkeit besonders beim schießen von schweren Pfeilen etc.. erklären lässt? Nur als Bsp..

Ich finde einen dort diskutierten Aspekt der allgemeinen Beschreibung von "Wikingerbögen" interessant, der aber gar nichts mit der wirklichen Funktion zu hat:

Dieser eine Bogen mit abgewinkelten Enden wird aber immer "als Paradebesipiel " für Wikingerbögen genommen weil er allgemein als besonders "charakteristisch" wahrgenommen wird.
In der Folge ergibt sich, dass wenn man einen "Wikingeringerbogen" nachbauen oder beschreiben will dann gerne dieses Modell als Beispiel nimmt, weil es sich einfach am stärksten von anderen Bögen abgrenzt (europaweit/weltweit) und irgendwie "besonders" erscheint. Dieses Design hat ja auch eine guten Wiedererkennungswert.
Ob das wirklich "typisch" für "alle Wikingerbögen" war, das ist eine ganz andere Sache.

Zudem werden werden solche Aspekte beim Nachbauen in heutiger Zeit gerne noch tendenziell leicht verstärkt um sie vielleicht "noch charakteristischer" zu machen etc..

Aber da gibt es natürlich insgesamt reichlich Stoff zur Diskussion.

Ralf

(Edit: Anzahl Bogenfunde auf "mehrere" geändert da ich keine ganz genauen Angaben zur Hand habe)

wilfrid

Der Trick bei dieser Art von stabförmigen Langbögen ist gan z einfach. Man zwingt den Bogen dazu, mit einer höheren Frequenz zu schwingen, und das so, das der Druckpunkt im Schwingungsknoten liegt. Somit ist der gefühlte Handschock weg. Das mit den leichten Tips ist zwar nicht verkehrt, aber rechnet man mal das Gewicht des Holzes, das zuviel dran ist, ins Verhältnis zum Rest der bewegten Massen, ist das garnichts.

Was wiegt denn so ein Stück Hartholz 15x15x50 mm? Nun , 0,15x0,15x0,5 [dm]x 0,7 kg= 7,8g. So ein Bogen wiegt aber so mal eben 500g+. Somit sind die überschweren Tips mit ~1% beteiligt. Das fällt in der Bogenmasseformel garnicht auf

James Brown

Wilfried, dass deine Rechnung nicht praxistauglich ist, weiß jeder Hobbybogenbauer.
Ich habe einen nicht schießbaren Holzbogen aus einem Kurs Monate später an den Tips schlanker gemacht und aus dem "Bone Shaker" wurde ein ganz passabel schießender Bogen. Nichts geändert außer ein paar wenige Gramm an den Enden weniger.


HuckleBerry

Ich würde mal drauf tippen, dass die Tips so stark waren weil das Material in dem Fall nicht stabil genug war und man deswegen stärkere Tips gebaut hat.... Zum Handshock gibt's, wie bei allen anderen Bögen auch, 1000 Meinungen wie Veränderungen der Standhöhe oder Pfeilgewicht...

Videos zu den Bögen gibt's ja auf YouTube genug...


Gruß
Ich wär ja gern so ein Tiefseeschwamm... Da könnt mir keiner auf die Nerven gehn... Denn ohne Nervensystem geht das schlecht....

stöckchenschubser

Naja, irgendwie funktioniert´s, ein Kollege schießt genau so einen, und er schießt sich wohl nicht schlecht.
Da gibt es wahrlich Schlimmeres von "Bogenbauern"

wilfrid

naja, nichts geändert außer ein paar ramm an den Tips. Das ist genau der Trick. Bei diesen Bögen aus Haithabu, Nydam, Burg Elmendorf stehen diese paar gramm , und es sind wirklich nur ein paar gramm mehr als nötig. ja deutlich über und üben ein Moment um die Sehnenkerbe aus, wenn der WA durch die "0Lage" geht.

Soweit ich informiert bin, ist beim Fund auch nur der obere Tip so extrem ausgeformt. Unten ist der WA einfach gerade, also keine Keule. Das Massive der Tips liegt am Holz und der Sehne. Irgendwo muß man ja auch ne Sehnenkerbe reinmachen. Und die Sehne soll schließlich nicht den Rücken zerquetschen. Da brauchste denn schon so 15 mm Breite

HuckleBerry

Könnte natürlich auch sein das man versucht hat mit den schweren Tips schwerere Pfeile besser zu beschleunigen..
. So zum Thema mehr Masse beschleunigt besser
Ich wär ja gern so ein Tiefseeschwamm... Da könnt mir keiner auf die Nerven gehn... Denn ohne Nervensystem geht das schlecht....

wilfrid

nein, der Wirkungsgrad bei gewichteten Tips ist zwar bei schweren Pfeilen besser, aber immer schlechter als bei normlen. Und gewichtete Tips sind jetzt nicht dieses bisschen Holz zusätzlich, was an den Funden dran ist.

Das sieht dann eher so aus:
http://flecomedia.de/view_item.php?item=SNO4KK8M7MWD&type=photos&collection=354

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